Ein Lichtblick in der Dunkelheit

Frau hält Wunderkerze
Bild: unsplash.com, Morgan Sessions

Fast jeder Erwachsene kennt das Gefühl tiefer Trauer, das sich einstellt, wenn man einen wichtigen Menschen verliert – ein Elternteil, andere Familienangehörige, Freunde, Lebenspartner oder gar ein Kind. Es braucht immer Zeit, um mit so einem Verlust fertig zu werden. Helfen können dabei Menschen, die diese Phase gemeinsam mit den Betroffenen durchstehen – Angehörige, Freunde, aber auch professionelle Trauerbegleiter, wie es sie im Bistum Osnabrück in vielen Kirchengemeinden gibt.

Manchmal klingelt das Telefon, eine Frau ist dran, oder auch ein Mann, die es gerade noch schaffen, ihren Namen zu nennen und das Wort „Trauerbegleitung“ zu sagen – und dann erst einmal nichts mehr. Weil sie sprachlos sind vor Schmerz oder weil schon wieder die Tränen fließen und sie vor lauter Schluchzen nicht reden können. Dann lässt Alwine Röckener die Arbeit ruhen, mit der sie gerade beschäftigt war, und ist erstmal einfach nur da. Sie ist Gemeindereferentin und engagiert sich seit über 15 Jahren in der Sterbe- und Trauerbegleitung. Ob am Telefon, im persönlichen Kontakt von Angesicht zu Angesicht oder im Trauergesprächskreis: „Wichtig ist es, zuzuhören, nichts zu verharmlosen, nichts weg zu reden, sondern die Trauer mit zu tragen“, sagt sie. „Natürlich hoffe ich, dass die Leute bei uns Trost finden, aber wir vertrösten nicht, wir sagen, wie es ist und nennen die Dinge beim Namen: nicht ‚derjenige ist eingeschlafen‘ oder ‚von uns gegangen‘, sondern ‚er ist gestorben und das ist furchtbar‘. Damit lassen wir die Leute aber nicht allein, sondern wir begleiten sie auf dem Weg, mit ihrem Verlust fertig zu werden.“

Agnes Buschermöhle, Alwine Röckener, Bistum Osnabrück
Agnes Buschermöhle (links) und Alwine Röckener Bild: Bistum Osnabrück

Leid teilen

Wir, damit meint Alwine Röckener die vielen haupt- und ehrenamtlichen Kollegen, die wie sie in der Trauerarbeit tätig sind, insbesondere ihre Kollegin Agnes Buschermöhle. Sie ist ebenfalls Gemeindereferentin und ausgebildete Sterbe- und Trauerbegleiterin. Sie sagt: „Solch tiefen Schmerz auszuhalten, das ist manchmal gar nicht so einfach. Wenn ich eine neue Trauergruppe habe, in der alle am Anfang ihre Geschichte erzählen, dann merke ich danach auf dem Heimweg schon, dass ich ganz ordentlich trage, an dem Leid, das mit mir geteilt wurde.“ Leid, das nicht nur von der Trauer kommt, die Angehörige Verstorbener empfinden. Oft sei da sehr viel mehr im Spiel, berichtet Buschermöhle: „Wut, Angst, Leere, Schuld, Erleichterung, Hoffnung und noch einiges mehr können Trauernde empfinden, manchmal fast gleichzeitig, das ist ganz normal“, weiß sie. Und fügt hinzu: „Wo auch immer die Trauernden gerade stehen – wir holen sie ab und nehmen sie an, wie sie gerade sind!“

Angebote der Trauerpastoral

Agnes Buschermöhle und Alwine Röckener bieten neben Einzelgesprächen regelmäßige Trauergesprächskreise an, in Lingen auch speziell für Eltern früh verstorbener Kinder (Sternenkinder). An jedem zweiten Sonntag im Monat findet von 15 bis 16.30 Uhr ein Trauercafe im Pfarrzentrum St. Bonifatius in Lingen statt.

Anja Egbers
Referentin für Hospizarbeit und Trauerpastoral
Domhof 12
49074 Osnabrück
0541 318-254
E-Mail-Kontakt

Besonders gut in die Situation Trauernder einfühlen können sich Agnes Buschermöhle und Alwine Röckener, weil sie beide selbst große Verluste erlitten haben. Agnes Buschermöhles Mann starb vor knapp 20 Jahren. Alwine Röckener hatte zwei Fehlgeburten. „Ich wurde nach dem Tod meines Manns ganz toll begleitet – das hat mich motiviert, so etwas auch selbst für andere anzubieten“, berichtet Buschermöhle. Alwine Röckener kam genau aus dem entgegen gesetzten Grund zur Trauerbegleitung: „Ich habe damals keine Anlaufstelle gefunden und gedacht: Das kann doch nicht sein, da muss man doch etwas machen!“, berichtet sie.

Darum, dass sie bei dieser emotional anstrengenden Arbeit selbst auf der Strecke bleiben, machen sich die Trauerbegleiterinnen keine Sorgen. „Ich gebe, was ich kann, durch meine persönliche Erfahrung und meine Ausbildung; und das berührt mich zutiefst“, sagt Agnes Buschermöle „das geht nur, weil Gott das mitträgt, weil er immer mit im Spiel ist.“ Nur so könne sie selber weiter leben, ohne ständig traurig zu sein, und außerdem den Menschen helfen, die sie begleitet, damit die wieder auf ihren Lebensweg finden. Auch für Alwine Röckener geht es nicht ohne ihren Glauben: „Für mich ist das eine total erfüllende Arbeit, eine, die wirklich Sinn macht“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich weiß, ich kann das alles abgeben an Gott, in meinem Abendgebet. Das ist meine Form der Seelenhygiene.“

Zweifel zulassen

Natürlich lasse gerade der Tod viele Menschen auch an Gott zweifeln – „auch mich“, geben beide Trauerbegleiterinnen zu. Nicht nur Gläubige würden in der Trauerbegleitung betreut. Und viele gläubige Menschen haderten mit der Frage: „Warum lässt Gott das zu?“ Darauf haben auch Buschermöhle und Röckener keine allgemein gültige Antwort. „Aber der Glaube hat auf diese Frage so viel anzubieten“, sagt Alwine Röckener. „Er eröffnet Raum für die Klage, er begleitet die Menschen in ihrem Leid. Gott selbst ist für uns Mensch geworden und gestorben. Das ist für mich ein Zeichen: Wir Christen laufen nicht weg, wenn es schwer wird – wir stehen das zusammen durch!“ Fast noch wichtiger ist ihr aber im Hinblick auf die Auferstehung Jesu folgender Gedanke: „Wir haben eine frohe Botschaft zu verschenken! Unser Glaube kann helfen, dass Leben gelingt, auch und gerade in existentiellen Lebenssituationen wie Tod und Trauer.“

Steine Früher sei das den Menschen viel präsenter gewesen, genau wie Tod und Trauer einen größeren Platz im Leben eingenommen hätten. Trauerbegleitung sei damals eine ganz selbstverständliche Aufgabe für jedermann gewesen: weniger professionell, einfach als eines der Werke christlicher Barmherzigkeit. „Trauernde besuchen, ihnen beistehen, das kann eigentlich jeder. Man muss mitfühlen, Zeit haben, um sich zu erinnern, zu schweigen, zu begreifen, zu hinterfragen, zu beten – um ein bisschen Trost in die Untröstlichkeit zu bringen“, sagt Alwine Röckener. Gemeinsam mit Agnes Buschermöhle hat sie deshalb vor knapp fünf Jahren in ihren Pfarreiengemeinschaften einen Trauerbesuchsdienst ins Leben gerufen. Speziell geschulte Ehrenamtliche, die acht bis zwölf Wochen nach einem Trauerfall den Angehörigen einen Besuch abstatten und schauen, ob und wo noch Hilfe gebraucht wird. „Trauer ist not-wendig, um die Not zu wenden.“ Steine mit dieser Botschaft verteilen die Trauerbegleiterinnen bei diesen und anderen Gelegenheiten um zu zeigen: Trauer gehört zum Leben dazu. Genauso wie die Hoffnung, dass die Trauer irgendwann auch wieder anderen Gefühlen Platz macht: Freude, glücklicher Erinnerung und Frieden.