Die Liebe Gottes drängt mich

Heißluftballon
Bild: Aaron Burden

Ja, sooft ich rede, muss ich schreien, „Gewalt und Unterdrückung!“ muss ich rufen. Denn das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn. Sagte ich aber: „Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!“, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Innern. Ich quälte mich, es auszuhalten, und konnte nicht.

Jeremia, 20,8-9

 

Kennen Sie dieses Gefühl? Ein Impuls von innen macht Sie unruhig. Etwas drängt innerlich und lässt Sie nicht zur Ruhe kommen.

Manchmal ist dieser Drang identifizierbar – etwas, was schon lange aufgeschoben wurde, will endlich getan werden: mit jemandem Kontakt aufnehmen oder Unerledigtes endlich angehen. Der Drang kann aber auch unbestimmt sein und das kann nervös machen. Vielleicht steht eine Veränderung, eine Entscheidung an und meldet sich als innere Dringlichkeit.

Die Bibel kennt noch eine andere Ursache eines inneren Dranges – Gott. „Die Liebe Christi drängt mich“ – sagt der Apostel Paulus von sich (2 Kor 5,14) . Die Liebe Gottes existentiell für sich erkannt zu haben wird für ihn zur positiv drängenden Kraft, diese Liebe weiterzugeben. Das hört sich irgendwie romantisch an – innerlich erfüllt sein, glühende Begeisterung, voller Herzenswärme nach außen gehen und andere mitnehmen und anstecken mit einer Liebe, mit der man sich selbst beschenkt weiß.

Das Bibelfenster

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Der Prophet Jeremia deckt eine andere, dunkle Seite dieses Dranges auf: Von dieser Liebe zu sprechen und in ihrem Namen zu handeln kann zu Konflikten und Auseinandersetzungen mit der Umgebung führen. Es kann leidvoll werden, nicht konform zu handeln. Gegen die soziale Isolation und Ausgrenzung will Jeremia den Gottesdrang in sich abschalten – aber er kann es nicht.  Zu stark ist dieser Drang, „als brenne in meinem Herzen ein Feuer“!

Der Gottesdrang kann also auch Angst machen, weil vielleicht etwas Unkontrollierbares und vielleicht auch Leidvolles damit verbunden ist. Ich finde es allerdings wunderbar mitzuerleben, wenn Menschen in unseren Kirchen aus diesem Drang heraus handeln.

In meiner Heimatstadt wurde vor kurzem mit einer kleinen Anzeige auf eine geplante Veranstaltung der Partei „Alternative für Deutschland“ für den folgenden Tag hingewiesen. Eine Frau aus der Gemeinde ließ das Lesen dieses Hinweises auf die erste AfD-Kundgebung in unserer Region nicht in Ruhe. Sie fühlte sich innerlich aufgefordert zu handeln und rief im Pfarrbüro an: „Man müsse doch irgendetwas tun!“ Zufällig hatten wir gerade Teamsitzung und nahmen ihren Aufruf  mit in unser Gespräch. Der Impuls wurde aufgenommen, einige Ideen entwickelt, wir machten über unsere Kontakte darauf aufmerksam, dass am nächsten Tag vor unserer Kirchentür kreatives Malen stattfinden würde: „Bunt malen gegen Schwarzmalerei – Vielfalt statt Einfalt“. Der Chor verlegt seine Probe auch auf die Kirchenstufen. Die Glocken mussten „Probeläuten“.  Das Ende vom Lied: Etwa 100 Leute standen vor der Marienkirche und die AfD-Veranstaltung versickerte unbeachtet. Auf friedliche und fröhliche Weise wurde kundgetan, wofür wir als Christen stehen. Denn dort, wo die AfD-Veranstaltung statt fand, steht unsere Kirche, in der unsere Gemeinde die universale Liebe Gottes feiert und verkündet. Im angeschlossenen Gemeindehaus finden Programme für Flüchtlinge statt. Den Geist dieses Ortes mussten wir nach außen tragen.

Allerdings – diese spontane und öffentlich sehr beachtete Aktion hätte es nicht gegeben, wenn da nicht der Drang einer Frau gewesen wäre, zum Telefonhörer zu greifen …

Ina Eggemann