Raum der Stille in Bremen

Raum der Stille in Bremen
Bild: Kirchenbote

Alle sechs Wochen verabredet sich Joachim Iburg mit seiner Frau. Im Krankenhaus. Nur für einige Minuten. Manchmal spricht er mit ihr, manchmal schreibt er einen kurzen Brief, manchmal schweigt er einfach und betrachtet ein Foto, das eine zarte Frau mit kurzem dunklen Haar im Rollstuhl zeigt. Es ist eine Liebesgeschichte, die über den Tod hinausgeht. Uschi Iburg starb vor sechs Jahren. Sie wurde 55 Jahre alt. Zuvor war die Herzchirurgie im Klinikum Links der Weser eineinhalb Jahre ihr Zuhause. Joachim Iburg war jeden Tag an ihrer Seite, so dass der behandelnde Arzt irgendwann meinte, die weiße Pflegerhose habe er sich längst verdient.

„Ich bin kein Kirchgänger“, sagt Iburg, „aber trotzdem ein gläubiger Mensch.“ Der Raum der Stille ist für ihn ein besonderer Erinnerungsort, dort fühlt er sich seiner Frau nahe – näher als auf dem Friedhof. Die Sorgen, Nöte und Ängste des Alltags verlieren dort ihre bedrückende Kraft. Alle sechs Wochen besucht der Witwer die Selbsthilfegruppe der Kunstherzpatienten, denn auch Uschi Iburg hatte ein künstliches Herz. Die Gemeinschaft tut ihm gut, doch fünf Minuten im Raum der Stille gehören jedes Mal allein seiner Frau.

Sanftes Licht fällt durch die Fenster

Raum der Stille im Bremer Klinikum Links der Weser (Bild: kirchebote.de)
Joachim Korte, Seelsorger im Klinikum Links der Weser, hat die Gebetsmühlen im Eingangsbereich mit Texten der großen Weltreligionen bestückt. Bild: Kirchenbote

Krankenhausseelsorger Joachim Korte kennt viele Angehörige mit ähnlichen Ritualen. Eine Frau zum Beispiel, deren Mann auf der Intensivstation starb, meldet sich regelmäßig zum seelsorglichen Gespräch an. Korte geht mit ihr dann auch in den Raum der Stille. Dort fällt sanftes Licht durch die Fenster. Die Geräusche sind gedämpft. Eine sommerliche Brise bauscht die Vorhänge auf. Der transparente Stoff macht den Raum weicher, schluckt Ecken und Kanten, sorgt für Harmonie.
Räume der Stille stehen für Zugewandtheit und Ethik. Sie sind ein Versuch der Kirchen, anders auf Menschen zuzugehen.

Im Krankenhaus, sagt Korte, verstehe sich Seelsorge heute als Angebot für alle Patienten. Muslime beispielsweise würden zum Beten nie in eine Krankenhauskapelle gehen. In einem Raum der Stille aber halten sie sich gern auf. Hier wird nicht nach Religionszugehörigkeit gefragt. Es hängt zwar ein dezentes Kreuz und es gibt ein Lesepult samt Bibel, aber am Eingang liegen auch Gebetsteppiche aus. Und noch ein weiteres Detail soll Offenheit ausdrücken: Gebetsmühlen – Walzen, die auf einer Papierrolle aufgedruckte Gebete und Texte der großen Weltreligionen enthalten.

Raum der Stille im Bremer Klinikum Links der Weser (Bild: kirchebote.de)
Der Raum der Stille ist bewusst schlicht gehalten. Bild: Kirchenbote

Oft geht es um existenzielle Fragen

Ein Aufenthalt im Krankenhaus durchbricht den gewohnten Lebensrhythmus. Oft geht es um existenzielle Fragen. Man macht sich Sorgen um die Gesundheit, um die Zukunft, wird mit Vergänglichkeit und Tod konfrontiert, freut sich aber auch über eine bevorstehende Geburt. „Im Raum der Stille verdichtet sich das Leben“, stellt Joachim Korte fest. Menschen kommen hierher, wenn sie ein Untersuchungsergebnis erfahren haben, wenn ein Angehöriger operiert wird oder wenn sie ein bisschen Ruhe außerhalb ihres Mehrbettzimmers suchen. Sie suchen Trost und nach dem Sinn des Lebens. Religiös sind sie alle, behauptet der Seelsorger – selbst wenn sie ein diffuses Bild von Religion haben.

Auch Ärzte und Pflegepersonal nutzen den Rückzugsort. Eine Krankenschwester hat Korte einmal erzählt, dass sie jedes Mal hineingehe, wenn ein Patient gestorben sei. Solch ein Raum wirkt wie ein Sicherheitsnetz bei Artisten. Er ist ein wohltuender Gegenpol zum Krankenhaus, in dem der Mensch vor allem auf seine Krankheit reduziert wird. „Dabei wünschen wir uns alle Heilung im ganzheitlichen Sinne“, sagt Korte.

Einem Buch, das offen ausliegt, vertrauen Menschen ihre tiefsten Gedanken an – in mehreren Sprachen, auf Deutsch, Türkisch, Griechisch, Spanisch oder Englisch. Manche entschuldigen sich, dass sie erst in einer Notsituation an Gott denken, einige schreiben Dankesworte hinein, andere machen ihrer Traurigkeit oder Enttäuschung Luft. Und auch ganz viel Hoffnung und Gottvertrauen schwingt mit. Wie bei einem Eintrag von Joachim Iburg: „Tschüss, mein Schatz, ich vermisse dich, aber irgendwann sehen wir uns wieder …“