Klosterstätte Ihlow

Nachbildung einer Kirche
45 Meter hoch ist die Nachbildung der ehemaligen Zisterzienserkirche an der Klosterstätte Ihlow Bild: Kirchenbote

Ihlow beginnt schon auf dem Parkplatz. Das Auto abgestellt, den Rucksack geschultert und die Schuhe fest geschnürt – so marschieren die meisten Gäste los. Ganz in Ruhe, anders geht das gar nicht. Einen knappen Kilometer lang ist der Schlackeweg zur Klosterstätte, mitten durch den dichten Wald. An heißen Tagen kühlt der Schatten, nach einem Regenguss riecht die Luft nach Moos und Farn. Das tut gut, da atmet man gerne tief durch. Und bleibt auch mal stehen, vielleicht für ein Gebet oder einen besonderen Gedanken. Kurz vor dem Ziel öffnet sich eine Lichtung in dem satten Grün und erlaubt den ersten Blick auf die Klosterstätte. Ist das eine Kirche, die sich hoch über die Linden und Buchen erhebt? Nein – aber das imposante Gebilde aus Stahl, Holz und Licht soll an das frühere Gotteshaus und das Ihlower Erbe erinnern – an die Mönche, die hier 300 Jahre lang gebetet und gelebt haben.

Gerüst einer Kirche
Ein weiter Blick: Wer ganz oben auf der Plattform steht, ahnt die Erhabenheit des früheren Klosters. Bild: Kirchenbote

Einer, der sich gut auskennt mit ihrer Geschichte, ist Bernhard Buttjer. Der Historiker und Vorsitzende des Klostervereins steht vor der „Imagination“, wie die Nachbildung der Kirche genannt wird. Der Begriff leitet sich ab von dem lateinischen Wort Imago: das Bild. Wenn die Besucher an diesen Ort kommen und zu der samt Dachreiter 45 Meter hohen Turmrekonstruktion hinaufsehen, sollen sie sich vorstellen können, wie es im Ihlower Forst ausgesehen hat. Damals, als die Zisterzienser 1228 das Kloster „Schola Dei – Schule Gottes“ gegründet und später eine der größten Kirchen in der Region gebaut haben: 35 Meter breit und 68 Meter lang, eine echte Basilika. Bis 1529 stand sie hier, wurde dann im Zuge der Reformation abgerissen.

Raum der Stille
„Räume der Stille“: In der Klosterstätte ist Platz auch für Gebet und Meditation. Bild: Kirchenbote

Bernhard Buttjer erzählt gern, welche bedeutende Rolle die Äbte seinerzeit gespielt haben. Er findet, Ihlow hat ein wichtiges Kapital in der ostfriesischen (Religions)Geschichte geschrieben. Und deshalb entwickelt er im Jahr 2000 die Idee für eine einzigartige Rekonstruktion. Er will dabei Kloster und Kirche nicht einfach wieder aufbauen. „Wir wollen hier nicht Mönch spielen“, sagt er klipp und klar. Sondern den Ort samt Museum und Andachtsraum so nachbilden, dass die Besucher seine spirituelle Größe und Erhabenheit spüren können. Vielen erscheint seine Vision anfangs zu kühn, als dass sie umgesetzt werden könnte. Aber er überzeugt viele Leute davon, die 2009 die Eröffnung mitfeiern. Heute kommen bis zu 20 000 Besucher pro Jahr. „Das hat sich wirklich gut entwickelt“, sagt Buttjer und sieht mit einem Lächeln zu, wie die Gäste den Ort erkunden.

Zur Sache

Die Klosterstätte Ihlow liegt mitten in einem Waldstück rund acht Kilometer südlich von Aurich. Jeden Freitag findet um 17 Uhr im „Raum der Spurensuche“ das Ihlow-Gebet statt: knapp 30 Minuten Gesang, Gebet und Stille. Jeder Gast kann ohne Anmeldung kommen.

Das Tempo bleibt geruhsam

Gartentor
Es grünt und blüht: Viele Besucher kommen zur Ruhe bei einem Spaziergang im Klostergarten. Bild: Kirchenbote

Denn es gibt viel zu sehen und zu erleben in den „stillen Räumen“ von Ihlow, wie der Trägerverein seine Konzeption überschrieben hat. Selbst an rummeligen Tagen bleibt das Tempo, bleibt die Atmosphäre geruhsam. Die meisten Besucher gehen gleich ins „Kirchenschiff“. Mit Efeu begrünte Gitter bilden die mächtigen Mauern nach und mannshohe Sandsteinpfeiler lassen erahnen, wie gewaltig das Gotteshaus früher gewesen sein muss. Ein paar Schritte weiter setzt sich Bernhard Buttjer am liebsten hin – in das Rondell unter den Lindenbäumen. Und schaut dann schweigend hoch in das lichte Gewölbe der Imagination. Für ihn berühren sich hier Himmel und Erde.

Gruppe im Andachtsraum
Begegnung im Andachtsraum: Hier findet regelmäßig das Ihlow-Gebet statt. Bild: Kirchenbote

Wer das noch unmittelbarer spüren will, steigt den Turm hinauf. Auf 30 Metern gibt es eine Plattform, von dort schaut man weit ins Land. Sieht zuerst den Ihlower Forst rundherum, dann zu Füßen das kleine Backhaus und den schönen Klostergarten mit seinen vier buxbaumbegrenzten Beeten. Beinwell und Baldrian stehen bei den Heilpflanzen, Rosen und Lilien wachsen im Mariengarten. Fast könnte man bei dieser Aussicht ein bisschen die Zeit vergessen. Wenn da nicht die Glocke wäre, denn die läutet hier oben ganz schön laut. Zum Beispiel zum Ihlow-Gebet an jedem Freitagnachmittag. Sicher – die Klosterstätte mag für viele Gäste zunächst ein touristisches Ausflugsziel sein, wo man sonntags wandern, Ostfriesentee trinken und Kuchen essen kann. Aber Bernhard Buttjer wollte und will mehr. Deshalb gibt es eineinhalb Meter unter dem Turm den „Raum der Spurensuche“. Bewusst sparsam erleuchtet ist er, wie eine Krypta. Hier können die Gäste die historische und spirituelle Dimension des Ihlower Klosters erleben: mit vielen Exponaten zur Geschichte der Zisterzienser, mit Texten, mit Ton, mit gezielt eingesetztem Licht. Mit Gottesdiensten und dem Ihlow-Gebet ganz hinten im Andachtsraum.

Dafür sorgen unter anderem Pastor Georg Janssen, Edith Gleibs und Brigitte Hagen in einem ökumenisch besetzten Arbeitskreis. Jeweils eine(r) aus der Gruppe kommt freitags zur Klosterstätte – egal, ob sechs oder 30 Gäste auf den schlichten Hockern rund um den kreiselförmigen Buchenholzaltar sitzen. Nur drei Armlängen unter dem Chorraum, wo einst die Mönche Abendmahl feierten. Ein Fenster in der Decke lässt die Erinnerung daran, lässt den Himmel hinein. Der Arbeitskreis will die Erinnerung an die jahrhundertealte Gebetskultur bewahren und in die heutige Zeit übersetzen. Deshalb beten und bitten, singen und schweigen die Ehrenamtlichen mit den Gästen beim Ihlow-Gebet. „Ich habe das Gefühl, dass ich näher bei Gott bin“, sagt Edith Leibs. Und Brigitte Hagen spürt in dieser „unglaublichen Stille ein Gefühl der Geborgenheit.“ Pastor Janssen nickt. Die zwei Frauen haben gesagt, wie auch er empfindet. Aber dann fällt ihm doch noch etwas ein.