Konzept für den Umgang mit sexualisierter Gewalt und geistlichem Missbrauch im Bistum Osnabrück

Sonne kommt nach Regen durch die Wolken
Bild: unsplash.com, Loren Gu

Bischof Franz-Josef Bode hat ein erweitertes Konzept vorgestellt, das im Bistum Osnabrück ab sofort für den Umgang mit sexualisierter Gewalt und geistlichem Missbrauch gilt. Das Konzept umfasst fünf Handlungsfelder: die Prävention, die Intervention, die Hilfe für Betroffene, den Umgang mit Beschuldigten und die Sanktionierung von Tätern sowie die Klärung systemischer Grundsatzfragen.

In einem offenen Brief bezieht sich Bischof Franz-Josef Bode auf die von der Deutschen Bischofskonferenz im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche, aber auch auf die im Bistum Osnabrück zutage getretenen Fälle: „All das hat uns das erschreckende Ausmaß und die grausamen Folgen der Taten vor Augen geführt. Uns bewegt die Frage nach den Ursachen, auch nach der Schuld nicht nur der Täter, sondern auch des Systems Kirche und seiner Verantwortungsträger. Ich frage mich selbst: Wo habe ich als Bischof nicht richtig hingesehen? Und ich muss eingestehen, manche Situation falsch eingeschätzt und schlechte Entscheidungen getroffen zu haben.“

Mitwirkung unabhängiger externer Experten

Bischof Bode schreibt in dem Brief außerdem, die Fehler der Vergangenheit und die Mängel des Systems müssten genau geprüft und benannt werden, um wichtige Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen. Dieser Aufgabe stelle er sich als Bischof und stelle sich das Bistum Osnabrück. Als einen wichtigen Schritt im Rahmen dieser Bemühungen präsentierte er jetzt das ab sofort greifende erweiterte Konzept für den Umgang mit sexualisierter Gewalt und geistlichem Missbrauch im Bistum Osnabrück. Kern des Konzepts sind fünf Handlungsfelder: die Prävention, die Intervention, die Hilfe für Betroffene, der Umgang mit Beschuldigten und die Sanktionierung von Tätern sowie die Klärung systemischer Grundsatzfragen.

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Für jedes dieser Felder sind Arbeitsgruppen eingerichtet, in denen neben Fachleuten aus dem Bistum Osnabrück immer auch unabhängige externe Experten mitwirken. Damit soll künftig in jedem Fall verhindert werden, dass Einschätzungen und Entscheidungen allein schon durch die Beschränkung auf die Binnensicht, vielleicht sogar durch falsche Rücksichtnahmen oder Abhängigkeiten korrumpiert werden können.

Im Bereich der Missbrauchsprävention hat das Bistum in den vergangenen Jahren vieles in die Wege geleitet, etwa durch die Berufung eines Präventionsbeauftragten, durch neue Leitlinien und Gesetze und zahlreiche Schulungen. Dieser Bereich wird künftig personell verstärkt werden. Außerdem wird er inhaltlich weiterentwickelt und die Umsetzung der Maßnahmen wird stärker kontrolliert.

Zusätzliche Ansprechpersonen und Angebote

Für die Intervention bei Bekanntwerden von Missbrauchsvorwürfen gibt es ebenfalls bereits etablierte Verfahren, die künftig jedoch klarer systematisiert und auch von außen stärker kontrolliert werden. Seit vielen Jahren hat das Bistum mit den externen Ansprechpersonen für Betroffene von sexuellem Missbrauch eine wichtige Instanz, durch die gewährleistet ist, dass kein Vorwurf intern vertuscht und jeder Fall auch an die zuständigen staatlichen Behörden weitergegeben wird. Künftig werden zusätzlich Ansprechpersonen für Betroffene von geistlichem Missbrauch benannt. Auch diese Form von Machtmissbrauch in der Kirche kann für die Betroffenen schwerwiegende Folgen haben und soll stärker in den Blick genommen werden. Daneben werden im Bereich der Intervention auch zusätzliche Hilfen für irritierte Systeme angeboten, beispielsweise wenn das Umfeld einer Kirchengemeinde, in der ein Täter gewirkt hat, betroffen ist und Unterstützung benötigt.

Zudem wird die Verantwortung für die Betroffenen von Missbrauch noch stärker in den Blick genommen. Es geht ihnen häufig nicht in erster Linie um eine finanzielle Anerkennung des erlittenen Leids, die das Bistum schon seit einigen Jahren vorsieht. Den Bedürfnissen nach individueller Begleitung etwa durch nachhaltige Gesprächs- oder Therapieangebote – auch durch kirchenexterne Fachleute – muss zukünftig noch besser begegnet werden. In jedem einzelnen Fall muss geschaut werden, welche Hilfen das Bistum dem Einzelnen oder der Einzelnen zukommen lassen kann.

Opferschutz hat immer oberste Priorität

Die Sanktionierung und Kontrolle von Tätern und der Umgang mit Beschuldigten ist eine weitere wichtige und bleibende Herausforderung. Auch hier wird das Bistum Osnabrück sich künftig in jedem Einzelfall der Beratung und Expertise externer Fachleute vergewissern. Das Bistum Osnabrück will dadurch sicherstellen, dass keine Entscheidung etwa über den weiteren Einsatz einer beschuldigten Person oder über den Verbleib eines Täters nach Abbüßen seiner staats- oder kirchenrechtlichen Strafe ohne einen wirklich kritischen und unabhängigen Blick von außen getroffen wird. Auch bei der Frage nach dem Umgang mit Tätern hat der Opferschutz oberste Priorität. Der Bischof unterwirft sich in seinen Entscheidungen dem Votum der Expertengruppe, das für ihn in jedem Einzelfall eine bindende Wirkung hat.

Schaubild Konzept sexualisierte Gewalt geistlicher Missbrauch Bistum OsnabrückStärker als bisher will sich das Bistum Osnabrück den systemischen Grundsatzfragen stellen: Welche Rolle etwa spielt eine zu enge Sexualmoral in der Kirche, welche der Umgang mit Macht und Hierarchie, welche das Miteinander von Frauen und Männern, wenn es um die Frage nach dem systemischen Nährboden für den Missbrauch geht? Was kann und muss künftig noch geändert werden? Bischof Franz-Josef Bode ist davon überzeugt, dass solche Fragen für die Zukunft der Kirche elementar sind. „Vermutlich werden wir nicht auf alles abschließende Antworten finden, wahrscheinlich auch nicht immer Lösungen, die wir hier vor Ort direkt umsetzen können. Aber was wir tun können, das werden wir tun“, kündigte er an.

Externes Monitoring aller Arbeitsgruppen

Die Arbeitsgruppen für die verschiedenen Handlungsfelder sollen weitgehend selbständig, aber auch in Kooperation und gegenseitiger Transparenz agieren. Um das zu gewährleisten, wird eine ebenfalls mit externen Fachleuten besetzte Monitoring-Gruppe die Steuerung und Kontrolle des gesamten Systems übernehmen. Es ist geplant, dass die Leitungen der Gruppen zusammen mit Bischof Franz-Josef Bode in rund einem Jahr über die in allen Handlungsfeldern geleistete Arbeit und die erreichten Fortschritte im Umgang mit sexualisierter Gewalt und geistlichem Missbrauch berichten.

Mehrere externe und interne Fachleute haben bereits ihre Bereitschaft erklärt, in den einzelnen Arbeitsgruppen mitzuwirken. Dazu gehören:

Monitoring (Steuerung und Kontrolle)
Dr. Thomas Veen (Präsident des Landgerichts Osnabrück)
Weihbischof Johannes Wübbe, Dr. Yvonne von Wulfen (Bistum Osnabrück)

Prävention
Koordination: Hermann Mecklenfeld (Bistum Osnabrück)

Intervention
Ansprechpersonen für Betroffene von sexuellem Missbrauch: Dr. Irmgard Witschen-Hegge (Frauenärztin), Antonius Fahnemann (Landgerichtspräsident a. D.)
Ansprechpersonen für Betroffene von geistlichem Missbrauch: Dr. Julie Kirchberg (Theologin), Ludger Pietruschka (Bistum Osnabrück)
Koordination: Stefan Schweer, Lydia Egelkamp (Bistum Osnabrück)

Verantwortung für Betroffene
Ansprechpersonen für Betroffene von sexuellem Missbrauch: Dr. Irmgard Witschen-Hegge (Frauenärztin), Antonius Fahnemann (Landgerichtspräsident a. D.)
Ansprechperson für Betroffene von geistlichem Missbrauch: Dr. Julie Kirchberg (Theologin), Ludger Pietruschka (Bistum Osnabrück)
Koordination: Dr. Christoph Hutter (Bistum Osnabrück)

Sanktionierung von Tätern/Umgang mit Beschuldigten
Cornelia Mertin (Staatsanwältin)
Dr. Franz Müller (Rechtsanwalt a.D.)
Alexander Meentken (Bewährungshelfer)
Friedrich H. Petersmann (Personalchef a.D.)
Generalvikar Theo Paul (Bistum Osnabrück)

Systemische Grundsatzfragen
Bischof Dr. Franz-Josef Bode, Dr. Daniela Engelhard (Bistum Osnabrück)

Alle Arbeitsgruppen werden durch weitere Experten verstärkt.