Leinen los!

Segelboot auf dem Meer
Bild: unsplash.com, Brandon Hoogenboom

„Leinen los“, so lautet das Motto der Firmvorbereitung einer Pfarreiengemeinschaft im nördlichen Emsland. Im Rahmen der gerade beginnenden Pastoralvisitation habe ich mich am letzten Samstag mit den Jugendlichen und dem Team der Katechetinnen und Katecheten in der Jugendbildungsstätte Marstall Clemenswerth in Sögel getroffen.

„Leinen los“: eine Aufforderung aus dem Bereich der Seefahrt, die dazu einladen will, auch in anderen Lebensbereichen im übertragenen Sinne bereit zu sein, den sicheren Hafen zu verlassen, sich aufs Wasser mit all seiner Faszination, aber auch den Unwägbarkeiten und Risiken zu wagen, neue, vielleicht noch eher unbekannte Ziele anzusteuern.

Über den Autor

Johannes Wübbe ist Weihbischof in unserem Bistum. Auf wen er in seinem Alltag trifft und was ihn bewegt – wir werden das in seinen Blogbeiträgen verfolgen.

Die Themen, die wir miteinander besprochen haben, zeigen, dass die Jugendlichen in diesem Motto eine gute Möglichkeit sehen, ihre eigene Lebenssituation zu deuten. Die Fragen, die sie mir mit großem Ernst gestellt haben, zeugen davon, wie sehr sie Manches in ihrer näheren Umgebung wie in den größeren Zusammenhängen unserer Tage bewegt, wie sie spüren, dass es nicht reicht, sich einfach weiter auf (vermeintlich) sicherem Terrain zu bewegen: „Wie kann ich denn heute glauben, wenn doch so Vieles in der Kirche nicht mehr funktioniert?“; „Muss man an Weihnachten und Ostern noch zur Kirche gehen, nur, weil das bei uns alle schon immer so gemacht haben?“; „Warum soll man überhaupt noch in der Kirche bleiben? Da wird oft über Dinge gesprochen, die mit uns doch wenig zu tun haben …“; „Warum sind Sie eigentlich Priester und Weihbischof geworden? Was motiviert Sie denn, weiter mitzumachen?“ Aber es ging auch um Fragen wie „Warum gibt es unheilbar kranke Menschen?“; „Was halten Sie von der Organtransplantation?“.

Als wir zum Abschluss miteinander Eucharistie gefeiert haben, haben wir einen biblischen Text aus dem Ersten Korintherbrief gehört: Jede und jeder ist von Gott mit bestimmten Begabungen – Charismen nennt sie die Bibel – ausgestattet, mit denen sie/er Kirche und den eigenen Lebensweg gestalten darf.

Wie das wohl auf die Jugendlichen wirkt, ob sie dem trauen? Ich bin gespannt, was sie mir im Juni bei der Firmung erzählen.

Was die Jugendlichen persönlich bewegt, bewegt derzeit auch die Kirche im Großen: Wo geht die Reise hin? Wie verläuft der Synodale Weg in Deutschland, im Bistum Osnabrück? Wer wird der nächste Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, da ja Kardinal Reinhard Marx nun nicht für eine weitere Amtszeit kandidiert? Zudem habe ich, während ich diesen Blog verfasse, das Nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus zur „Amazonas-Synode“ bekommen … Erste Reaktionen gibt es ja schon, und sie zeigen erneut, wie kontrovers innerkirchliche und politisch-gesellschaftliche Fragen, von denen einige wirklich existentiell sind, derzeit diskutiert werden. Die Unsicherheit ist zu spüren, aber auch, wie viele Menschen davon überzeugt sind, dass es den Aufbruch braucht.

Als die Jünger mit dem Herrn ins Boot steigen, „Leinen los“ wagen und auf den See hinausfahren, geraten sie in einen schweren Sturm, sie bekommen Angst. Doch sie dürfen erfahren: Ihr Herr ist mit an Bord! Oder mit Papst Franziskus im neuen Schreiben: „Lasst uns furchtlos sein, stutzen wir dem Heiligen Geist nicht die Flügel“!

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