Eine Zeit des Zuhörens

Mann und Frau unterhalten sich
Bild: unsplash.com, rawpixel

Vor einiger Zeit habe ich von dem bekannten Soziologen und Christen Franz-Xaver Kaufmann über die zunehmende Bedeutungslosigkeit des Christlichen in der säkularen Welt gelesen:

„Es geht den Kirchen in jeder Hinsicht gut, mit einer Ausnahme: dass sie den Kontakt zur Seele der meisten Menschen verloren zu haben scheinen, sie also innerlich nicht mehr ansprechen können.“ (Franz-Xaver Kaufmann, Kirchenkrise, Freiburg 2011, S. 172)

Dass es den Kirchen in unserem Land gut geht, würde ich in Anbetracht des Missbrauchsskandals und anderen Versagens nicht behaupten. Ich erlebe eine Vertrauenskrise, die bis in die Mitarbeiterschaft und den Freundeskreis reicht. Dabei könnte ich auch jetzt viele positive Beispiele von überzeugendem kirchlichem Handeln aufzählen. Ich erlebe eben auch engagierte Mitarbeiter, die mit ganzem Herz und wachen Verstand ihren Dienst verrichten.

Über den Autor

Theo Paul ist Generalvikar und damit Stellvertreter des Bischofs und Leiter der Verwaltung des Bistums. In seinen Blogbeiträgen greift er gerne aktuelle Themen auf.

In verschiedenen Gesprächsrunden haben wir darüber gestritten, wie wir mit der Krise umgehen können. Immer wieder kommt die Forderung, die positive Wirkungsgeschichte des Christentums und der Kirche aufzuzeigen. Ich bin der Meinung, es ist jetzt nicht die Zeit der argumentativen Verteidigung, so verständlich dieser Wunsch auch ist. Als Kirche befinden wir uns in einer Zeit des Zuhörens. Wir haben keine Erfahrung, mit einer solchen Krisensituation umzugehen. In unseren Ohnmachtserfahrungen können wir aber vielleicht auf neue Weise der Botschaft des Evangeliums begegnen. Es geht um die Entdeckung der Relevanz des Glaubens für die augenblickliche Krise.

Mit harten Worten hat Jesuitenpater Alfred Delp vor mehr als 70 Jahren geschrieben:

Auch der Weg der fordernden Kirche im Namen des fordernden Gottes ist kein Weg mehr zu diesem Geschlecht und zu den kommenden Zeiten. Zwischen den klaren Schlüssen unserer Fundamentaltheologie und den vernehmenden Herzen der Menschen liegt der große Berg des Überdrusses, den das Erlebnis unserer selbst aufgetürmt hat. Wir haben durch unsere Existenz den Menschen das Vertrauen zu uns genommen. 2000 Jahre Geschichte sind nicht nur Segen und Empfehlungen, sondern auch Last und schwere Hemmung. Und gerade in den letzten Zeiten hat ein müde gewordener Mensch in der Kirche auch nur den müde gewordenen Menschen gefunden. Der dann noch die Unehrlichkeit beging, seine Müdigkeit hinter frommen Worten und Gebärden zu tarnen. Eine kommende ehrliche Kultur- und Geistesgeschichte wird bittere Kapitel zu schreiben haben über die Beiträge der Kirchen zur Entstehung des Massenmenschen, des Kollektivismus, der diktatorischen Herrschaftsform usw.

Alfred Delp, Gesammelte Schriften, Bd. 4, Hrsg. Roman Bleistein, Frankfurt a. M. 1984, 318 ff.

Obwohl er das menschliche Versagen seiner Kirche erlebte, ging Pater Delp für das Evangelium, für die Kirche als Märtyrer in den Tod.

 

Ein Kommentar zu “Eine Zeit des Zuhörens

  1. Mich hat Evangelii Gaudium vom Sofa geholt, bes. Nr. 3 hat mich umgehauen. Später habe ich in der Liturgiekonstitution Nr. 9 gefunden. Ich bin davon überzeugt, dass in der Einladung zu einem persönlichen Verhältnis zu Jesus der Schlüssel zur Krisenintervention liegt – das ist nicht gebunden an Amtspersonen oder Sakramentsfeiern, wenngleich diese natürlich Teil davon sind. Aber nicht ausschließlich und schon gar nicht verengt auf die Eucharistie. Wir Katholiken müssen lernen, was missionarisches Christsein bedeutet. Andere Gemeinden um uns herum sind uns darin zum Teil um Längen voraus. Eine solche „Jesus-Ökumene“ kann uns vor der Ideologie-Falle (Glaube als Fürwahrhalten eines Weltverbesserungsprogramms), der Kleriker-Falle (Amtsträger als Gnaden-Zwischenstation) und der Pietismus-Falle (Rückzug in fromme Gruppen) bewahren. Christlich glauben bedeutet für mich: Auf eine direkte und persönliche Beziehung Gottes zu mir zu vertrauen, direkten und persönlichen Zugang zu Jesus haben zu dürfen, mich mutig und furchtlos für andere zu engagieren. SC 9 zeigt eine für mich klare Kante: Erst Bekehrung, dann Liturgie. Erst Evangelisation, dann Sakrament. Erst Entscheidung für Jesus, dann Party. Traditionskirchen haben die Reihenfolge sträflich vernachlässigt. Das alles ist nichts Neues: Der Pneumatiker Heribert Mühlen u.a. haben das schon vor 40 Jahren angemahnt und der Deutschen Bischofskonferenz strategische Vorschläge für ein „Katechumenat für Getaufte“ gemacht, die lediglich „zustimmend zur Kenntnis“ genommen wurden. Sechs Jahre nach Veröffentlichung von Evangelii Gaudium fehlt deren strategische Umsetzung für den deutschen Sprachraum immer noch. Ein Armutszeugnis katholischer Pastoraltheologen und Pastoralteams. Wir brauchen also andere, neue, ökumenische Konstellationen und Gemeindechristen, die die Sache in die Hand nehmen, sich auf Jesus ausrichten, Gott danach fragen, wie ihre Gemeinden in 20 Jahren aussehen sollen, unverzagt neue Wege einschlagen und neue Modelle ausprobieren. „Kirche der Beteiligung“ ist eine der Möglichkeiten!

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