Fixpunkte der Erinnerung

Fixpunkte der Erinnerung
Bild: unsplash.com, Wang Xi

Vergangenes Wochenende haben mich der 75. Jahrestag der Hinrichtung der Lübecker Märtyrer und das Gedenken des Weltkriegsendes vor 100 Jahren besonders beschäftigt:

Wir hatten in Osnabrück für Samstag eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zur „Ökumene in Zeiten des Terrors“ mit P. Klaus Mertes S. J. im Priesterseminar und ein ökumenisches Abendlob im Dom mit Landessuperintendentin Dr. Birgit Klostermeier organisiert. Leider konnte ich selber wegen anderer Verpflichtungen nicht dabei sein. In Gesprächen habe ich aber mitbekommen, wie sehr deutlich geworden ist, dass wir auf den Spuren der vier Lübecker Geistlichen heute als Christinnen und Christen über Konfessionsgrenzen hinweg Verantwortung dafür tragen, Solidarität und Gerechtigkeit zu leben – gerade angesichts von starken Kräften in Gesellschaft und Kirche, die Ausgrenzung und Abschottung als Handlungsstrategie propagieren.

Lübecker MärtyrerDie damaligen Kapläne unseres Bistums Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller haben gemeinsam mit dem evangelischen Pastor Karl-Friedrich Stellbrink mutig vorgelebt, wie das selbst unter einem menschenverachtenden Regime aus dem Glauben heraus möglich sein kann, und das hat sie letztlich aufs Schaffott gebracht. Am 10.11.1943 wurden sie in Hamburg nach der Verurteilung durch des Volksgerichtshof nacheinander unter dem Fallbeil hingerichtet. Wer sich näher informieren will, findet ausreichend Material unter www.luebeckermaertyrer.de.

Das Pontifikalamt, das wir dann anlässlich dieses für unser Bistum besonderen Gedenktages und des Endes des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren am Sonntag im Dom feiern konnten, durfte ich selber in Vertretung unseres Bischofs leiten. Auch hier habe ich durch die biblischen Texte und die Gesänge wieder deutlich gespürt, wie sehr uns das Evangelium aktuell herausfordert, über kulturelle, religiöse, nationale und weitere Grenzen hinweg, uns gegenseitig zunächst einmal im gemeinsamen Menschsein wahrzunehmen. Die Soziologie warnt hingegen davor, dass in Gesellschaft und Politik das „Othering“ zunehmend Konjunktur hat: eine Grundeinstellung, die einen Menschen, der uns begegnet, zunächst einmal zum „Anderen“ macht, die darauf aus ist, die Unterschiede herauszustreichen, um ggf. das (vermeintlich) Eigene abzusichern und zu verteidigen. Die Technik des „Othering“: Sie zielt darauf ab, Verhärtungen vielfältigster Art nicht aufzuweichen, sondern zu verstärken. Vereinfachende und verzerrende Pauschalisierungen oder gar wuterfüllte Empörungen des Populismus unserer Tage verhindern, dass wir uns, wie der Berliner Erzbischof Heiner Koch kürzlich gesagt hat, „als Lernende zu verstehen [haben] in vielen Bereichen unseres Denkens, Wahrnehmens, Fühlens und Wertens.“ „Othering“: Das meint, ich erkläre alle, die nicht der von mir bevorzugten kulturellen, nationalen, politischen oder sonstigen Prägung zugehören, einfach mit gnadenlos negativem Unterton zu „Anderen“ mache, die nicht zu mir, zu uns gehören können. Der erste Schritt auf einem Weg bis hin zur physischen Vernichtung dieser „Anderen“ ist damit schon getan, wie gerade die beiden großen und viele andere Kriege und gewaltsame Konflikte des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts belegen.

Bundespräsident Steinmeier hat diese Dynamik anlässlich des Gedenkens der Reichspogromnacht und der Betrachtung dokumentarischen Bildmaterials so auf den Punkt gebracht: Los geht es mit dem lange systematisch geschürten Ressentiment, das sich im Pogrom „zu Wut, Hass und Gewalt“ steigert: „Niederste Instinkte werden bedient – Habgier und Grausamkeit angestachelt. Aber wer glaubt, das in den Gesichtern der Zuschauer zu erkennen, der irrt. Eher entdeckt der Beobachter in den Gesichtern der Gaffer ein behagliches Gefühl beim Betrachten des Unglücks anderer. Und das ist der Abgrund, in den wir blicken. Das erschreckt uns, und zu Recht. Denn jener Zivilisationsbruch ist hier schon erkennbar, der nach Auschwitz führte. Wir Nachgeborenen wissen, dass diese Bilder nicht irgendein Geschehen, nicht längst schon Vergangenes zeigen. Wir wissen, dass es hier geschah, nirgendwo sonst, dass Urgroßväter und -mütter unter den Tätern und Augenzeugen waren. Wir wissen, was danach geschah und dass diese im Bild festgehaltene Vergangenheit zu uns gehört.“

Über den Autor

Johannes Wübbe ist Weihbischof in unserem Bistum. Auf wen er in seinem Alltag trifft und was ihn bewegt – wir werden das in seinen Blogbeiträgen verfolgen.

Aktion "Eine Million Sterne"Daran mitzubauen, dass jede und jeder in allen Menschen, die ihr oder ihm begegnen, zunächst den Mitmenschen wahrnimmt: Ein Angebot, sich dementsprechend einzusetzen, ist auch dieses Jahr wieder die Caritas-Aktion „#EineMillionSterne“ . Am Samstag, den 17. November 2018, dem Vorabend des von Papst Franziskus ausgerufenen Welttags der Armen, findet diese bundesweite Solidaritätsaktion statt. Caritasverbände, Einrichtungen, Dienste und Pfarrgemeinden sind eingeladen, als Zeichen der Solidarität und Nächstenliebe Lichter zu entzünden. Viele öffentliche Plätze sollen im Kerzenschein erstrahlen und so – zusammen mit den Spenden, um die gebeten wird – ein Zeichen setzen für eine gerechtere Welt. Unterstützt werden sollen diesmal speziell Kinder und Jugendliche, die in der Ukraine am Rande der Gesellschaft leben und in prekären Wohnbedingungen aufwachsen, also in einem Land, das mitten in Europa massiv unter den Folgen eines nach wie vor ungelösten Konfliktes mit Russland leidet.

Aber vielleicht sind Sie oder bist Du derzeit auch noch ganz anders in Bewegung, wenn es gegen Othering und für Solidarität und Mitmenschlichkeit einzustehen gilt … Kleine und große Gelegenheiten gibt es, meine ich, mehr als genug!

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