„Weil Augen dich ansehen“

Ausschnitt eines Ausstellungsstückes von Ursula Roggow
Ausschnitt eines Ausstellungsstückes von Ursula Roggow Bild: Ursula Roggow

Diese Woche darf ich die Ausstellung „Weil Augen dich ansehen “ im Forum am Dom miteröffnen. Darauf freue ich mich schon, weil es eine ganz außergewöhnliche Ausstellung ist: Die Künstlerinnen aus der „Kunstwerkstatt am Gertrudenring“ haben sich von einem Gedicht von Hilde Domin inspirieren lassen. So kommt es zu einem spannenden Dialog zwischen einem Text und Bildern, und dann hoffentlich auch zwischen Text, Bildern und denjenigen, die die Ausstellung besuchen werden.

Es gibt dich

Dein Ort ist
wo Augen dich ansehen.
Wo sich Augen treffen
entstehst du.

Von einem Ruf gehalten,
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.

Du fielest,
aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.

Es gibt dich
weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen,
daß es dich gibt.

Hilde Domin
(Sämtliche Gedichte, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2009)

Damit entstehen vielfältige Begegnungen und um Weisen der Begegnung geht es auch im Gedicht wie in den Bildern: Begegnung mittels Sprache – in der zweiten Strophe des Gedichts finden sich die Ausdrücke „Ruf“ und „Stimme“ –, aber vor allem auch die Begegnung über den wortlosen Blick: „Manchmal spüren wir etwas von einer anderen Person. Wir können uns in sie einfühlen, ganz spontan, ohne Worte. In einem wortlosen Blick. Solche Augenblicke sind ein großes Geschenk. Das intuitive Verstehen ist der allerkürzeste Weg von Mensch zu Mensch“, wie Andreas Knapp einmal notiert. Solche verstehenden, einfühlsamen Blicke schenken Raum zum Dasein, Ansehen, Halt!

Über den Autor

Johannes Wübbe ist Weihbischof in unserem Bistum. Auf wen er in seinem Alltag trifft und was ihn bewegt – wir werden das in seinen Blogbeiträgen verfolgen.

Indem die Künstlerinnen auf ihre je eigene Weise sich von Domins Gedicht haben anregen lassen, folgen sie der Absicht, die diese Schriftstellerin auch ausdrücklich verfolgt: Ein Gedicht ist für sie „ein gefrorener Augenblick, den jeder Leser für sich wieder ins Fließen, in sein Hier und Jetzt bringt“. Das Malen ist eine ganz besondere Art, ein Gedicht „ins Fließen zu bringen“. Für mich sind solche Prozesse immer auch Auseinandersetzungen damit, was unser Leben, was die Welt im Tiefsten trägt. Fragen werden wach danach, wessen Stimme es denn nun sein könnte, mit der alle gerufen zu werden scheinen; Fragen danach, wessen Augen es sein könnten, die immer, ja womöglich auch noch im irdischen Tod mit seinen unzähligen Gesichtern, aufzufangen vermögen und sagen, „daß es dich gibt“.

Ich danke von Herzen allen, die diese Ausstellung in dieser Form möglich gemacht haben, natürlich besonders den Künstlerinnen. Und ich wünsche der Ausstellung viele wache Besucherinnen und Besucher, die hier wirkliche Begegnung erleben können – in Blick und Wort.

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